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Konzept
1. Vorwort

Seit Jahrzehnten nutzen Jugendliche – deutlich mehr als Erwachsene – den öffentlichen Raum für ihre Aktivitäten, da dieser für sie von zentraler Bedeutung ist. Sie eignen sich Räume an und machen Parks und Straßen „unsicher", wie diese Aktivitäten umgangssprachlich bezeichnet werden. Diese Bezeichnung verweist auf einen bedeutsamen Aspekt der hohen Präsenz junger Leute im öffentlichen Raum: Sie gebrauchen ihn mitunter anders, als von den Erwachsenen vorgesehen und gelten daher oft als Störfaktor und/oder Risikopotential.

Seit 2016 ist die Mobile Jugendarbeit mit zwei Mitarbeiter:innen in Lienz tätig. Ihr Angebot richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene, die unter anderem von verbandlicher Jugendarbeit und ähnlichen sozialen Dienstleistungen und Systemen nicht oder zu wenig erreicht werden. Gemeinsam mit ihnen versuchen die Jugendarbeiter:innen deren Lebenswelt zu gestalten und zeigen ihnen in verschiedenen Bereichen (Risiko-, Freizeit-, Sozialverhalten) Alternativen auf, welche ein Zurechtkommen und Mitgestalten, nicht nur, im öffentlichen Raum ermöglichen.


2. Was ist „Mobile Jugendarbeit"?

2.1. Definition

Mobile Jugendarbeit ist ein inhaltlich und methodisch eigenständiges Arbeitsfeld innerhalb der außerschulischen Jugendarbeit. Mobile Jugendarbeit arbeitet bezirks-, gemeinde- bzw. stadtteilorientiert mit oftmals sozial- und ökonomisch benachteiligten jungen Menschen, die den Großteil ihrer Zeit im öffentlichen Raum verbringen.

Im Zentrum von Mobiler Jugendarbeit stehen die Interessen, Kompetenzen und Ressourcen der jungen Menschen. Ziel ist es diese aufzuzeigen, zu stärken, zu vertiefen und auszubauen.
Die Jugendlichen werden dabei unterstützt, ihre Interessen umzusetzen und ihre Rechte wahrzunehmen.

Mobile Jugendarbeit baut auf Langfristigkeit, Kontinuität und Beziehung und fühlt sich für Probleme der Jugendlichen verantwortlich.

Die Angebote der Mobilen Jugendarbeit richten sich nach den sich verändernden Bedürfnissen der Zielgruppe.

2.2. Arbeitsprinzipien

Der Arbeitsansatz der Mobilen Jugendarbeit beruht auf Prozessorientierung, Nachhaltigkeit und Mitbestimmung.

• Kontinuität und Verbindlichkeit:
Kontinuität und Verbindlichkeit sind eine wichtige Basis für den Vertrauensaufbau zu den Jugendlichen. Die Mitarbeiter:innen erreichen dies durch das kontinuierliche Aufsuchen von Jugendlichen und die Anwesenheit an deren Treffpunkten.

• Transparenz:
Offenheit für alle Anliegen junger Menschen und Ehrlichkeit sind im vertrauensvollen Umgang mit den Jugendlichen unverzichtbar. Eine transparente Kommunikation und Arbeitsweise bilden eine solide Basis.

• Akzeptierende Grundhaltung:
Die Akzeptanz jugendlicher Denk- und Verhaltensmuster bezieht einen konfrontativen Ansatz mit ein, damit das eigenverantwortliche Handeln der Jugendlichen gestärkt wird. Ihre Anliegen werden immer ernst genommen.

• Parteilichkeit:
Die Arbeit erfolgt grundsätzlich im Interesse der Jugendlichen und vertritt deren Anliegen.

• Freiwilligkeit:
Die jungen Menschen entscheiden über Art und Umfang des Kontakts, da nur so eine vertrauensvolle Zusammenarbeit möglich ist.

• Niederschwelligkeit:
Zugangsmöglichkeiten und Erreichbarkeit der Angebote müssen den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Jugendlichen entsprechen und anonym und kostenlos genützt werden können.

• Intersektionalität:
Die intersektionale Perspektive erlaubt die Wechselwirkungen sozialer Ungleichheiten und/oder von Machtverhältnissen in den Blick zu nehmen.

• Partizipation:
Aktive Teilhabe der Jugendlichen an Prozessen unterstützt ihre Entwicklung von tragfähigen Zukunftsperspektiven.

• Lebensweltorientierung:
Orientiert sich an den Bedürfnissen, Ressourcen und Anliegen der jungen Menschen und ist auf ihre individuellen Lebenssituationen abgestimmt. Durch regelmäßige aufsuchende Arbeit lernen die Mitarbeiter:innen die Gewohnheiten, Lebensrhythmen und Ausdrucksformen der kulturellen Identität der Jugendlichen kennen, welche sie in Folge berücksichtigen können.

• Respekt:
Die Mitabeiter:innen begegnen den jungen Menschen mit Achtung, würdevoller Grundhaltung und Wertschätzung ihrer Person. Unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer ethnischen Zugehörigkeit und ihren Verhaltensweisen sind sie ein wertvoller Teil der Gesellschaft.

• Vertraulichkeit:
Ohne Rücksprache mit den Jugendlichen werden keine Informationen an andere weitergegeben.

• Flexibilität:
Die Jugendarbeiter:innen passen sich bzgl. Zeit, Ort und Raum den Bedingungen und Bedürfnissen der Jugendlichen an.

• Unentgeltlichkeit:
Alle Dienstleistungen werden kostenlos angeboten.

2.3. Handlungsansätze

2.3.1. Aufgabenbereiche

Ausgehend von 40 Stunden pro Woche auf zwei Mitarbeiter:innen aufgeteilt, ergibt sich folgende Stundenaufschlüsselung

• Aufsuchende Arbeit: 20 Wochenstunden
Unter Aufsuchender Arbeit versteht man die Arbeit im öffentlichen Raum, wobei Streetwork als Methode der Mobilen Jugendarbeit verstanden wird und in mehreren Kriterien einen Gegensatz zu ihrer Verwendung in der Sozialarbeit bildet.
Diese Arbeitsweise versteht sich für die Mitarbeiter:innen aber auch aufgrund ihrer Präsenz im öffentlichen Raum als Möglichkeit des Kontaktaufbaus mit den Jugendlichen und umgekehrt.
Aufsuchende Arbeit sollte im Idealfall immer zu zweit stattfinden.
Zurzeit wird der Sozialraum an vier Tagen pro Woche betreut. Dies geschieht nur im Lienzer Talboden, da dieser aufgrund der „Peergroupbildung" von Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus nahezu allen regionalen Gemeinden gleichermaßen genutzt wird.
Hotspots und öffentliche/halböffentliche Räume, die regelmäßig von den Jugendarbeiter:innen aufgesucht werden, sind:
Iselkai, Draupark, Bahnhof mit umliegendem Areal, Friedensiedlung, Eichholz, Südtiroler Siedlung, Eichholz, Schwimmbad, Innenstadt, BORG- Areal und Plätze um andere Schulen, etc.
Auch ziehen Events wie Schulbälle, Konzerte, Moonlightshopping, usw. die Jugendlichen in den Talboden, bei denen die Mobile Jugendarbeit im Zuge ihrer Aufsuchenden Arbeit ebenfalls anzutreffen ist.
Um die Sinnhaftigkeit der Arbeit für die Mitarbeiter:innen auch im Winter zu gewährleisten, werden Öffentlichkeitsarbeit, Projekte und Workshops an Schulen und in sozialen Einrichtungen vorwiegend auf die kalte Jahreszeit verlegt.
Ebenso werden durch die Sozialraumarbeit Konflikte zwischen den Generationen vermittelt und Vernetzung zwischen den Gemeinden angestoßen

• Anlaufstelle: 4 Wochenstunden
Die Anlaufstelle bietet den Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Möglichkeit die Mitarbeiter:innen aufzusuchen um den Kontakt und das Vertrauen aufzubauen.
Die Anlaufstelle wird nicht als Freizeiteinrichtung für Jugendliche verstanden. Beratungsgespräche, die im Rahmen der Öffnungszeiten entstehen, sollten wenn möglich (ausgenommen Krisensituationen) auf außerhalb der Zeiten der Anlaufstelle verschoben werden.
Die Räumlichkeiten bieten sich unter anderem zur Durchführung von kleineren Projekten wie z.Bsp. Kochen an.

• Beratung und Begleitung: 10 Wochenstunden
Man versteht darunter Gespräche mit den Jugendlichen im Einzel- oder Gruppensetting zu bestimmten Themen, zu denen Jugendliche Bedarf des Gesprächs oder der Aufklärung haben. Aufgrund dieser Gespräche können Erstbegleitungen zu Institutionen entstehen.
Bei der Begleitung sollte immer die bestmögliche Selbstständigkeit der Jugendlichen im Vordergrund stehen.

• Vernetzung, Fortbildung, Supervision, Büro: 2 Wochenstunden Darunter fallen interne und externe Vernetzung mit Einrichtungen und Institutionen, administrative Tätigkeiten wie Konzeptarbeit und Evaluation, Fortbildungen mit Bezug auf das Arbeitsfeld.

• Projekt- und Cliquenarbeit: 4 Wochenstunden
Projekt- und Cliquenarbeit bietet die Möglichkeit mit Gruppen gezielt zu arbeiten um eventuelle gruppendynamische Prozesse in Gang zu bringen. Außerdem zielt diese Arbeit darauf hin, die Ressourcen und das Potential der Jugendlichen zu fördern und Erwachsene für die Lebenswelt der Jugendlichen zu sensibilisieren.
Des Weiteren können auch Bedürfnisse der Jugendliche durch die verschiedensten Methoden sichtbar gemacht werden.

2.3.2. Fachliche Methoden

Auf der Grundlage des lebensweltorientierten Ansatzes werden systemische, lösungsorientierte und erlebnispädagogische Methoden angewendet:

• Beziehungsarbeit
- Kontinuierliche Kontakte
- Als Ansprechperson Orientierung, Halt, Lösungsansätze und Handlungsoptionen bieten
- Empowerment: Ermutigung zur Eigenverantwortung

• Beratung und Begleitung
- Krisenintervention
- Probleme erkennen und Lösungsansätze finden
- Der Jugendliche steht im Mittelpunkt
- Ressourcen- und bedarfsorientierte Ermittlung des individuellen Unterstützungsbedarfs
- Vermittlung in Institutionen und Begleitung dorthin
- Weiterführende Begleitung durch Beziehungskontinuität

• Themenzentrierte Arbeit und Projektarbeit
- Projektorganisation für jugendrelevante Projekte (aktuelle und laufend interessante)

• Gruppen- und Cliquenarbeit
- Abwechslung zwischen leitende und begleitende Intervention in gruppendynamischen Prozessen

• Geschlechterbezogene Arbeit
- Spezielle Förderung für Burschen und Mädchen mittels gezielter Angebote
- Das unterschiedliche Verhalten der beiden Geschlechter wird berücksichtigt und die daraus resultierenden Konsequenzen

• Freizeitpädagogik und Erlebnispädagogik

2.4. Vernetzung

Vernetzung ist in der Mobilen Jugendarbeit mitunter eines der wichtigsten Bereiche um bestmöglich arbeiten zu können. Man ist durch die verschiedenen Themen und Probleme der Jugendlichen auf ein aktives Netz von Angeboten angewiesen.

Die Vernetzung fängt bei Intervision innerhalb des Teams an, geht über die Vereinsvernetzung bis hin zur Vernetzung mit jugendrelevanten Einrichtungen.

Zu dem ist eine regelmäßige Vernetzung zu Stakeholdern wie Stadt, Land, Exekutive und Bezirkshauptmannschaft sehr wichtig.

2.5. Ziele und Wirkungsweisen

Die Mitarbeiter:innen der Mobilen Jugendarbeit motivieren die Jugendlichen dazu, selbstverantwortlich und selbstbewusst an relevanten Veränderungsprozessen in
ihrem Umfeld teilzunehmen.

Gemeinschaftliches Erarbeiten von Lösungen bei Konflikten soll ihre Handlungskompetenzen fördern und erweitern.

Die Jugendlichen werden in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützt und ihre Kompetenzen werden gestärkt. Die Jugendarbeiter:innen erkennen deren Ressourcen und fördern diese.

2.6. Zielgruppe

Das Angebot der Mobilen Jugendarbeit richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene unabhängig von sozialem Status, Geschlecht sowie ethnischen oder religiösen Zugehörigkeiten.
Heutzutage ist das Jugendalter nicht mehr genau zu definieren (juristisches, entwicklungspsychologisches, soziologisches, pädagogisches Verständnis).

Zielführend ist es, die Hauptzielgruppe auf 12 bis 19 Jahren festzusetzten. Dies schließt jedoch jüngere und vor allem ältere Jugendliche nicht aus, denn:

„Als Jugendliche werden gemäß Bundes-Jugendvertretungsgesetz und Bundes-Jugendförderungsgesetz (Vollzug Bundeskanzleramt) alle jungen Menschen bis zur Vollendung ihres 30. Lebensjahres verstanden. Für sie hat sich auch der Begriff „junge Erwachsene" durchgesetzt." (Quelle: Homepage Bundeskanzleramt, Agenda Jugend)

3. Grundstruktur

3.1. Träger

Der „Verein zur Förderung der offenen Jugendarbeit in Lienz" kurz „Jugend in Lienz" genannt besteht derzeit aus 8 Vereinsmitgliedern, von denen 6 Personen den Vorstand bilden (ZVR Nummer: 273634277).

Der Verein betreibt das offene Jugendzentrum, die Mobile Jugendarbeit in Lienz.

3.2. Finanzierung

Personalkosten und Sachaufwand werden von der Stadtgemeinde Lienz und dem Land Tirol finanziert. Zusätzlich stellt die Stadtgemeinde die Räumlichkeiten zur Verfügung.

3.3. Schutzkonzept

Beim Schutzkonzept orientieren wir uns inhaltlich am „Schutzkonzept der Offenen Jugendarbeit" des Bundesweiten Netzwerkes Offene Jugendarbeit (bOJA).


4. Rahmenbedingungen:

4.1. Personelle Rahmenbedingungen

4.1.1. Personal

Aktuell: 40 Wochenstunden – zwei Teilzeitstellen

Als fachliche Qualifikation wird eine sozialpädagogische oder sozialarbeiterische Ausbildung vorausgesetzt.

Idealerweise sollte das Team zumindest mit einem Mann und einer Frau besetzt sein, um geschlechtersensible Arbeit erfüllen zu können. Dabei ist es auch wichtig, dass die Jugendarbeiter:innen sich untereinander austauschen und ergänzen können. (kontinuierliche qualitative Arbeit)

4.1.2. Arbeitszeiten

Grundsätzlich ist es nicht vorgesehen in der Nacht oder an Sonn- und Feiertagen zu arbeiten. Sollte es trotzdem anfallen, ist dies ein Entgegenkommen der MitarbeiterInnen und sind dementsprechend zu entlohnen.

Unter Nachtarbeit versteht man die Arbeitszeit zwischen 22:00 und 06:00.

Überstunden oder Mehrstunden sind durch Zeitausgleich oder Bezahlung abzugelten.

4.1.3. Zukunftsvision

60 Wochenstunden – zwei Teilzeitstellen

Eine Ausweitung von vier auf fünf Tagen pro Woche ist angedacht.

4.2. Räumliche Rahmenbedingungen

Die Räumlichkeiten der Anlaufstelle sollten verfügen über: Büro, Aufenthaltsraum, Kochgelegenheit bzw. Küche, sanitäre Anlagen.

Das Vorhandensein von geeigneten Räumen und vertrauter Atmosphäre sind Grundbedingungen um eine qualitativ hochwertige Arbeit zu leisten. Speziell bei Kriseninterventionen muss rasches Handeln möglich sein.

Die Anlaufstelle dient neben ihren Öffnungszeiten (1-2mal wöchentlich), in denen die Jugendlichen mit ihren Anliegen kommen können, als Rückzugsort für anonyme Beratungen und Besprechungen und für administrative Tätigkeiten, z.B. regelmäßige Evaluationen und Teamsitzungen.

Neben den Räumlichkeiten der Anlaufstelle findet der größte Teil der Arbeit im öffentlichen Raum, diverse Parks und Jugendtreffpunkte, statt.

4.3. Finanzielle Rahmenbedingungen

Neben einer gesicherten längerfristigen Finanzierung benötigt Mobile Jugendarbeit eine flexible Spesenregelung (Handkassa).

Mobile Jugendarbeit findet im öffentlichen Raum statt, dadurch entstehen Kosten für die Mitarbeiter:innen durch Eintritte (Schwimmbad, Events, ...) Die Kosten sollen unbürokratisch als Handgeld zur Verfügung stehen, z. B. monatliche Pauschalen.

4.4. Strukturelle Rahmenbedingungen

Um längerfristig Vertrauen zu den Jugendlichen aufzubauen und deren Akzeptanz zu gewinnen, brauchen die Mitarbeiter:nnen ein uneingeschränktes Zeugnisverweigerungsrecht.

Ordnungspolitische Zielen („Sozialfeuerwehr") werden von der Mobilen Jugendarbeit abgelehnt, um als neutrale Anlaufstelle zu dienen und unbeeinflusst mit den Jugendlichen arbeiten zu können.

Die Mitarbeiter:innen der Mobilen Jugendarbeit benötigen einen Dienstausweis, um sich in diversen Situationen ausweisen zu können.

4.5. Fachliche Rahmenbedingungen

Planung und Qualitätssicherung, Regelmäßige Teamreflexionen, Klausurtage, Supervision, Fortbildung, Teilnahme an Fachtagungen, Vernetzung ect. sollten im Dienstverhältnis integriert sein um die Qualität der Arbeit zu stärken.